In Pakistan gehen die Lichter aus - Europa kauft jeden verfügbaren LNG-Tanker (2022)

Die Folgen der Sanktionspolitik greifen auf Schwellenländer wie Pakistan, Myanmar und Bangladesch über: Europa versucht derzeit jeden verfügbaren LNG-Tanker zu kaufen – und verschärft damit die Energie-Lage in Pakistan und anderen armen Ländern weiter.

Europa, Russland-Sanktionen – und Pakistan als Opfer

Da ist er wieder, der Schmetterlingseffekt. Diese Metapher aus der Chaostheorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in einem anderen Teil der Welt einen Wirbelsturm auslösen kann. Während also Europa praktisch jeden verfügbaren LNG-Tanker (LNG, Liquefied Natural Gas) vom Spot-Markt weg kauft, um seine Gasspeicher zu füllen, gehen in Pakistan die Lichter aus. Asiatische Volkswirtschaften, traditionell wegen fehlender Pipelines die größten LNG-Importeure, konkurrieren nun mit der reichen EU um Lieferungen aus den Golfstaaten, Australien und den USA.

Europa hat alleine dieses Jahr seine LNG-Importe um über 50 Prozent gesteigert. In erster Linie aufgrund der gegen Russland verhängten Sanktionen und dem sofortigen Wunsch, unabhängig von russischer Energie, insbesondere Erdgas, zu werden. Das hinterlässt in diesem engen, mittlerweile heftig umkämpften Markt um den ohnehin knappen Rohstoff Erdgas deutliche Spuren, die weit über die Grenzen Europas hinausgehen.

Erdgas kann bisher nur direkt über Pipelines oder verflüssigt transportiert werden, Letzteres muss anschließend wieder regasifiziert werden. Seitdem Europa mit aller Macht versucht, seine Abhängigkeit von russischem Erdgas zu lösen – ein kurzfristig nahezu aussichtsloses Unterfangen, wenn man detaillierte Analysen liest – gerät die Welt um Europa herum immer mehr aus den Fugen.

Die LNG-Welt vor dem Ukraine-Krieg

Sechs der zehn größten LNG-Abnehmer kamen 2020 aus Europa: Italien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Frankreich und Polen. Doch LNG wurde traditionell eher nach Asien verkauft, da dort aufgrund fehlender Pipelines der Preis für Erdgas deutlich höher lag. Wie man dem BP Statistical Review of World Energy 2020 entnehmen kann, bezieht Europa sein LNG bisher hauptsächlich aus Algerien, Nigeria und Katar. Der Rohstoff wird über die TransMed-Pipeline nach Italien gepumpt oder per Schiff nach Spanien, Frankreich und Belgien transportiert. Deutschland hat keinen LNG-Terminal. Der Shell LNG Outlook 2019 sieht die LNG-Welt noch vor dem Ukraine-Krieg und wirkt schon fast wie ein Relikt.

(Video) Wir spielen Finanzkrise 2.0: China rettet Dax & Co! Marktgeflüster

Shell LNG Output 2019:

Absolut gesehen importieren folgende Länder am meisten LNG (aufsteigend sortiert): Italien, Türkei, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Taiwan, Indien, Südkorea, China und Japan. Pakistan liegt zwar absolut gesehen nicht unter den Top Ten, ist aber einer der am stärksten wachsenden Import-Märkte für LNG gewesen. Noch wichtiger aber ist die Rangliste, wieviel Prozent des gesamten Energieverbrauchs auf Erdgas entfällt. Italiens Energieversorgung hängt zu 39 Prozent von Erdgas ab, Mexiko deckt 31 Prozent, die Türkei 30 Prozent und Deutschland und Griechenland jeweils gut ein Viertel seines Energiebedarfs mit Erdgas ab. Damit ist Erdgas ein absolut systemrelevanter Energie-Rohstoff. In Pakistan sind es immerhin noch 11 Prozent des Energiebedarfs, die mit dem Import von LNG abgedeckt werden.

LNG in der Vergangenheit wichtig für Entwicklungsländer

Noch vor wenigen Jahren war Pakistan das Zukunftsmodell der LNG-Branche. Um das Jahr 2015 herum stagnierte der LNG-Markt, aber dank neuer Technologien und verkürzter Bauzeiten fielen die Investitionskosten für LNG-Terminals deutlich – die Exploration neuer Gasfelder ließ den Preis für Erdgas insgesamt fallen. Somit wurde der „günstige“ Energie-Rohstoff auch für Schwellenländer interessant. Pakistan, immerhin das fünftbevölkerungsreichste Land der Welt, investierte massiv in LNG-Terminals.

Als Pakistan 2017 einen Tender zur langfristigen LNG-Versorgung ausschrieb, war die Resonanz groß. Die Regierung wählte die italienische Eni SpA und den Rohstoffhändler Gunvor Group Ltd. als langfristigen Lieferanten aus. Im Jahr zuvor wurde ein langfristiger Liefervertrag mit Katar abgeschlossen, die Preise waren günstig. Damit hatte man in Pakistan praktisch nahezu alles richtig gemacht, die Energieversorgung schien gesichert.

Lieferverzug trotz Liefervertrag

Jetzt gerieten ausgerechnet Pakistans Lieferanten in Verzug, verkauften aber weiterhin wie bisher LNG auf den europäischen Märkten. Am 8. März schrieb die Deutsche Welle in einem Artikel über LNG: „Zudem wurden bereits einzelne Schiffe, die mit ihrer Fracht eigentlich gen Asien unterwegs waren, nach Europa umgeleitet.“

(Video) Kann EUROPA ohne RUSSISCHES GAS überleben? - VisualPolitik DE

Die Auswirkung dieser beiläufig am Ende des Artikels erwähnten Tatsache war, dass die bereits finanziell angeschlagene Nation Pakistan nun horrende Preise am Spot-Markt bezahlen musste, um Stromausfälle während der wichtigen Eid al Adha-Feiertage Anfang Juni zu verhindern. Die gestiegenen Kosten für den Import von LNG belaufen sich auf Jahressicht bereits auf fünf Milliarden US-Dollar, in etwa doppelt soviel wie im Jahr zuvor.

Wie die South China Morning Post berichtete, wurden bisher über ein Dutzend LNG-Tankerladungen storniert, die zwischen Oktober 2021 und Juni 2022 zur Lieferung fällig waren. Diese Entwicklung fiel zeitlich mit dem steigenden Gaspreis am europäischen Terminmarkt zusammen. Ein Lieferausfall diesen Ausmaßes, der nicht direkt mit einem Unfall in einer Produktionsanlage oder einem Terminal zusammen hängt, ist in der LNG-Industrie bisher präzedenzlos. Eni und Gunvor Group gaben an, kein LNG für Pakistan verfügbar zu haben. Da der Liefervertrag mit Pakistan aber nur sehr moderate Vertragsstrafen vorsah (30 Prozent Strafzahlung), haben Eni und Gunvor Group darauf verzichtet, wie sonst in der Branche üblich, lieferfähig zu bleiben und die erforderlichen Mengen am Spot-Markt einzukaufen. Der Preis für Pakistan lag vertraglich bei ca. 12 US-Dollar pro Einheit, zum damaligen Zeitpunkt aber wurde in Europa bereits 30 US-Dollar pro Einheit bezahlt. Auch wenn Eni und Gunvor Group behaupten, keine finanziellen Vorteile aus der Transaktion gezogen zu haben: ihre europäischen Kunden wurden weiterhin beliefert, dort kam es zu keinem Lieferausfall.

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Erschwerend kam mittlerweile noch ein Brand in einem der wichtigsten LNG-Export-Terminals der USA Anfang Juni hinzu, die Anlage ist für einige Wochen unbrauchbar. Damit wurde der ohnehin schon angespannte LNG-Markt noch weiter ausgedünnt. Mittlerweile kommt es in Pakistan regelmäßig zu geplanten Stromausfällen von mehr als 12 Stunden. Ganze Metropolen werden in völlige Dunkelheit getaucht. Das Internet fällt immer wieder komplett aus, melden vereinzelt User auf Twitter – und berichten sogar von landesweiten, kompletten Blackouts.

Neue Regierung Pakistans unter Druck

Der neuerliche Blackout in Pakistan setzt die noch junge Regierung stark unter Druck. Um die Energiekriese zu meistern, hat sie jetzt einen neuen Tender ausgeschrieben über zehn Tankerladungen, Lieferung Juli bis September 2022. Zu den aktuellen Spot-Preisen entspricht dies ca. einem Volumen von einer Milliarde US-Dollar – aber zum vvierten Mal in Folge hat man nicht einmal eine Antwort auf die Anfrage bekommen:

Pakistan’s energy crisis looks set to drag on for months after another failed effort to buy LNG 🇵🇰 🚨

(Video) ZEITGEIST: MOVING FORWARD | OFFICIAL RELEASE | 2011

🤷‍♂️ A $1 billion LNG purchase tender for July-Sept. didn’t receive ANY offers (!)
📝 That’s the 4th canceled tender in a row amid a global supply crunchhttps://t.co/g0Wmc3Hmah

— Stephen Stapczynski (@SStapczynski) July 7, 2022

Pakistan steht nicht nur wegen seiner Energieversorgung unter Druck, auch die Pakistanische Rupie inflationiert mit knapp 13 Prozent in einem sehr ungesunden Ausmaß. Das Land selbst ist mit 120 Milliarden US-Dollar verschuldet (Stand Dezember 2020), das entspricht ca. 75 Prozent des BIP. Der Großteil der Schulden lautet auf US-Dollar. Die Landeswährung, die Pakistanische Rupie, hat gegenüber US-Dollar, Australischem Dollar und Euro konstant abgewertet und verschärft die Energiekrise zusätzlich. Der Chart zeigt die Entwicklung seit Anfang des Jahres, auffällig auch hier die relative Euroschwäche:

Droht ein Zahlungsausfall Pakistans?

Die stark gestiegenen Energiekosten könnten eine Haushaltskrise in Pakistan auslösen: Moodys Investors Service hat das Land unter Beobachtung gestellt und den Ausblick von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt. Die Regierung hatte sogar bereits angefangen, die Arbeitszeiten landesweit zu verkürzen und wichtige Industriezweige vom Netz zu nehmen, was weitere wirtschaftliche Folgeschäden nach sich ziehen könnte. Pakistan steht mit dem Rücken zur Wand, und eine solche Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

Kohle statt LNG – ein neuer Trend?

Die Zeitung „The Nation Thailand“ titelte am 6. Juli: „Pakistan importiert Kohle aus Afghanistan, um Blackouts zu verhindern.“ Bereits Ende Juni hatte die Regierung entschieden, ihre tägliche Kohle-Einfuhr von 3.000 Tonnen pro Tag auf über 20.000 Tonnen zu erhöhen. Der Rohstoff wird direkt per Zug aus dem benachbarten Afghanistan bezogen, die Bezahlung erfolgt in Pakistanischen Rupien. Die Kohle aus Afghanistan soll von außerordentlich hoher Qualität sein, der Preis hat sich auf dem einheimischen Markt von 90 auf über 200 US-Dollar pro Tonne hoch geschraubt, nachdem die Meldung bekannt wurde.

Durch den Ersatz mit günstiger Kohle erhofft sich die Regierung eine Einsparung bei den Energie-Importkosten um über 2,2 Milliarden US-Dollar. Hier wird zugleich ein neuer, möglicher Trend sichtbar: zurück zur Kohle. Andere Länder wie Indien und Ghana könnten sich ebenfalls dazu veranlasst sehen, ihre strategischen Pläne zur Energieversorgung, weg von der schmutzigeren Kohle oder Öl und hin zu LNG, zu überdenken. Immerhin ist der Gaspreis in den letzten beiden Jahren um rund 1.000 Prozent gestiegen.

Damit würden aber die ehrgeizigen Ziele zur Verringerung der Umweltverschmutzung weltweit kassiert werden, wenn sich dieser Trend etabliert. Das rücksichtslose Verhalten der Europäer findet in Pakistan wenig bis keine Zustimmung. Fereidun Fesharaki, Vorsitzender der Unternehmensberatung FGE, kritisiert Europa scharf für die Schaffung „höherer Preise, wirtschaftlicher Knappheit und wirtschaftlicher Misere“ auf der ganzen Welt. „Es ist in Ordnung, dass Europa entscheidet, was es innerhalb seiner Grenzen will“, schrieb er in einem Tweet, „aber es ist unfair und unvernünftig, das Chaos ins Ausland zu exportieren, insbesondere in die Entwicklungsländer.“

Auch Bangladesch und Myanmar ächzen unter den gestiegenen LNG-Preisen

Bangladeschs staatlicher Energieversorger hat erst kürzlich die teuersten LNG-Lieferungen des Landes am Spot-Markt bezogen, um seine Energieversorgung aufrecht zu erhalten, während Myanmar bereits letztes Jahr die Importe aufgrund des Preisanstieges gestoppt hat. Auch hier droht die „Energie-Wende“ der Europäer Chaos und Misere anzurichten, bis sie sich dann schlussendlich gegen Europa selbst wenden wird, um dort Chaos und Misere zu verbreiten. Wie auf finanzmarktwelt.de berichtet wurde, kostet ein Sudden-Stopp russischer Gaslieferungen die deutsche Wirtschaft geschätzt 193 Milliarden Euro.

Indien und Sri Lanka haben sich mittlerweile direkt an Russland gewandt, um ihre Energieversorgung sicher zu stellen. Auch das sind die Folgen der Sanktionspolitik. Wann beginnt man in Europa endlich, die Schmetterlinge zu zählen, die überall auf der Welt anfangen, mit ihren Flügeln zu schlagen?

💰 Pakistan LNG’s tender to buy 10 cargoes for delivery between July and September didn’t receive any offers
⚡ That’s set to exacerbate blackouts across Pakistan
🇪🇺 Global LNG flows are being redirected to Europe, where utilities are willing to pay more than emerging markets pic.twitter.com/KYSUW2YK7x

— Stephen Stapczynski (@SStapczynski) July 7, 2022

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FAQs

Where LNG is used in Pakistan? ›

Engro Elengy Terminal Pakistan (LNG) is the first LNG import facility in Pakistan, adjacent to the Engro Vopak chemical terminal on the mainland side of the channel into Port Qasim and has been in operation since 2015.

How many LNG terminals are there in Pakistan? ›

Pakistan's two LNG terminals have the storage capacity of approximately 140,000 tons of LNG and regasification capacity of 1.35 BCFD, out of which 1.2 BCFD is contracted to South Southern Gas Company (SSGC).

Who imports LNG in Pakistan? ›

Pakistan LNG Ltd., the country's second-largest state-owned petroleum company that imports LNG on behalf of the government, has a five-year contract with Gunvor at 11.6247% Brent slope that ends in July this year, the officials said.

Does Pakistan produce LNG? ›

According to local media, Shahid Karim, CEO of Daewoo Gas said they plan on making the terminal operational before summer 2023 at Pakistan's LNG zone in the Arabian Sea. Pakistan's new LNG facility will have a capacity of 2.5 million tons per annum (MTPA) of LNG.

Where is the largest LNG port? ›

The Incheon LNG terminal is the world's largest LNG receiving complex, and it supplies natural gas to the Incheon and Seoul metropolitan areas, which account for 40% of the country's natural gas demand.

How many LNG terminals are in Europe? ›

There are currently 28 large-scale LNG import terminals in Europe (including non-EU Turkey). There are also 8 small-scale LNG facilities in Europe (in Finland, Sweden, Germany, Norway and Gibraltar).

What does LNG stand for? ›

what is LNG – liquefied natural gas? LNG is natural gas that has been cooled to –260° F (–162° C), changing it from a gas into a liquid that is 1/600th of its original volume.

What is an LNG export terminal? ›

An LNG terminal is a facility for regasifyng the liquefied natural gas (LNG) shipped in by LNG tanker from the production zones.

What does LNG stand for? ›

what is LNG – liquefied natural gas? LNG is natural gas that has been cooled to –260° F (–162° C), changing it from a gas into a liquid that is 1/600th of its original volume.

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Author: Annamae Dooley

Last Updated: 10/12/2022

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