"Ich wusste nicht, ob ich das durchstehe" (2022)

Es ging alles verdammt schnell. Binnen kürzester Zeit wurde Amy Macdonald zum internationalen Superstar. Vor ihrem dritten Album "Life In A Beautiful Light" gönnte sich die Schottin eine Auszeit. Die war dringend nötig. Im n-tv.de Interview spricht Macdonald über Selbstzweifel und neuen Optimismus, Sebastian Vettel, das Fernsehprogramm und die EM.

n-tv.de: Dein neues, drittes Album trägt den Titel "Life In A Beautiful Light". Was ist für dich nötig, damit dein Leben in schönem Licht erstrahlt?

Amy Macdonald: Sonne hilft schon mal. (lacht) Wenn es ein so schöner Tag wie heute ist, macht mich das glücklich. Da ich aus Schottland komme, ist mir das leider nicht allzu häufig vergönnt. Aber um glücklich zu sein, reicht es für mich auch, einfach inmitten meiner Familie und Freunde zu sein. Um das Album zu schreiben, habe ich mir ja ein Jahr lang eine Auszeit genommen und viel Zeit nur zu Hause zu verbracht. Deswegen sind die Songs darauf auch so optimistisch und positiv.

Zugleich reiht sich das Album musikalisch ziemlich nahtlos an die beiden Vorgänger an. Was ist an "Life In A Beautiful Light" für dich anders als bei den Alben zuvor?

Es gibt auf jeden Fall einen Unterschied. Als ich die Songs des ersten Albums "This Is The Life" geschrieben habe, war ich wirklich noch jung - gerade erst aus der Schule raus. Trotzdem hat man für die Songs des ersten Albums ja alle Zeit der Welt - eben das ganze Leben zuvor. Damals hatte ich noch nie mit einer Band gespielt. Ich kannte die Lieder nur mit meiner Stimme und Gitarre - deshalb klangen sie in gewisser Hinsicht entspannt.

Und beim zweiten Album "A Curious Thing"?

Da war das ganz anders. Als das entstanden ist, bin ich nur getourt und dauernd live aufgetreten. Der größere Live-Sound schlug sich auch auf das Album nieder. Jetzt beim dritten Album war ich über ein Jahr lang zu Hause und bin wieder dahin zurückgekehrt, mir Songs erst einmal nur mit Gitarre und Stimme zu erarbeiten. Insofern würde ich das Album irgendwo in der Mitte zwischen den ersten beiden ansiedeln.

Sehr konsequent bist du mit Blick auf deinen Produzenten. Wie schon die beiden Alben zuvor wurde auch "Life In A Beautiful Light" von Pete Wilkinson produziert …

Pete habe ich unendlich viel zu verdanken. Ihm habe ich damals mein erstes Demo geschickt, worauf ich einen Plattenvertrag bekam. Dazu kam der Produktionsvertrag. Als ich dann einen Manager brauchte, bin ich nur schrecklichen Leuten begegnet. Sie hatten alle überhaupt kein Interesse an mir als Person, sondern nur daran, wie viel sie aus der Sache rausschlagen konnten. Da habe ich Pete überredet, auch noch den Manager-Job zu übernehmen, obwohl er so etwas noch nie zuvor in seinem Leben gemacht hatte. Wir haben also von Tag 1 an alles zusammen gemacht. Pete ist heute einer meiner engsten Freunde und wir stehen uns so nahe, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals irgendetwas mit irgendjemand anderem zu machen - ich würde keinem anderen vertrauen.

Hast du die Songs wieder alle selbst geschrieben?

Ja.

Auch bei der Umsetzung vertraust du ganz dir selbst und deiner Band. Jedenfalls gibt es diesmal keine prominenten Gastmusiker auf dem Album …

Tatsächlich fanden wir die Songs und ihren Sound so toll, dass wir dachten, wir brauchen für sie keine Unterstützung. (lacht) Auf meinem letzten Album hat ja Paul Weller einige Parts gespielt. Das war klasse. Trotzdem wollten wir diesmal zu 100 Prozent alles selbst machen.

Du hast die rund ein Jahr dauernde Auszeit, die du dir genommen hast, bereits angesprochen. Warum war die wichtig?

Nachdem ich 2006 den Plattenvertrag unterschrieben hatte, hatte ich eigentlich keine Pause mehr. Ich war vier oder fünf Jahre praktisch nicht mehr zu Hause und nur noch unterwegs. Ich musste wieder einmal zu mir selbst finden. Ich hatte nicht geplant, in dieser Zeit ein ganzes Album zu schreiben, aber glücklicherweise hat mich die Pause sehr inspiriert und das Schreiben ist mir sehr leichtgefallen. Zu Hause zu sein, ein normales Leben zu führen und Zeit mit meinen Freunden zu verbringen tut mir gut. Und wenn es mir gut geht, fällt es mir leichter, Songs zu schreiben.

Dann solltest du das vielleicht künftig immer so machen …

Ja, nachdem ich gesehen habe, was für ein Segen das war, denke ich, dass wir das nach jedem Album machen sollten. Ich glaube, von einem Album zum nächsten zu hecheln kann sehr kontraproduktiv sein. Man hat dann keine Zeit, sich mal zurückzulehnen und alles zu reflektieren.

Es heißt, dass du dir in der freien Zeit sogar die grundsätzliche Frage gestellt hast, ob es auf Dauer erstrebenswert ist, Musikerin zu sein. Das neue Album scheint aber ja die Antwort darauf zu geben …

Ja, absolut. Mit "In The End" gibt es auf dem Album auch einen Song, bei dem es genau um dieses Thema geht. Das war ungefähr zu der Zeit, als die Promotion für das zweite Album dem Ende zuging. Damals war ich so ausgelaugt, dass ich nicht wusste, ob ich das alles noch einmal durchstehen würde. Und ich habe mich gefragt, ob ich auch nur irgendjemand damit helfe, dass ich das mache. Dass das bei mir so hochgekommen ist, liegt auch daran, dass meine Schwester Ärztin ist. Sie arbeitet jeden Tag so hart, um Menschen zu helfen. Was mache ich hingegen?

Was hat dich umgestimmt?

Ich habe extrem viele wundervolle Briefe und E-Mails von Fans aus der ganzen Welt erhalten. Darin erklärten sie mir: "Du hast ja keine Ahnung, wie sehr mir dieser oder jener Song in einer schwierigen Zeit geholfen hat." Deswegen denke ich nun, dass das, was ich mache, vielleicht doch Menschen hilft. Jeder Mensch nimmt von einem Song etwas anderes mit. Jetzt habe ich ein sehr positives Gefühl und bin wirklich froh, mit dem dritten Album zurück zu sein.

Als du zu Hause warst, sollst du eine ganze Menge ferngesehen haben. Was hast du angeschaut?

Alles! Ich bin eine bekennende Couch-Potato. Ich bin ein Couch-Potato-Profi. (lacht) Ich liebe Serien wie "Prison Break" oder "24", die so dramatisch sind und einen bei jeder Episode mit einem riesigen Cliffhanger zurücklassen. Aber ich sehe mir auch sehr gerne die Nachrichten an. Zu wissen, was in der Welt vor sich geht, ist mir sehr wichtig. Daraus ziehe ich auch Inspiration. Auf den Song "Human Spirit" kam ich etwa, als ich die Rettung der chilenischen Bergleute gesehen habe. Oder "Across The Nile" - der Song ist entstanden, nachdem ich die feiernden Menschen in Ägypten gesehen hatte, als ihr Präsident zurückgetreten war. Das hat mich so berührt, dass ich darüber einen positiven Song schreiben wollte.

Du wehrst dich sehr stark dagegen, als Teil der "Promi-Szene" wahrgenommen zu werden. Warum?

Nein, ich wehre mich nicht dagegen. Ich würde es nur vorziehen, zuvorderst für meine Musik bekannt zu sein. Die Menschen kennen mein Gesicht, weil ich Musikerin bin. Es betrifft mich nicht, wenn andere Leute auf andere Dinge Wert legen, zum Beispiel auf Partys zu gehen. Ich möchte für das bekannt sein, was ich tue und liebe, und nicht dafür, wer ich bin.

Ein Kollege hat dich in einem Artikel mal als "Miss Understatement" bezeichnet, weil du gar so vehement negierst, ein Star zu sein …

Ich denke, das ist falsch. Ich finde es gut, Musik machen zu können, die Menschen hören, und dafür bekannt zu sein. Aber ich würde es hassen, wenn ich jemand wäre, der nicht mehr vor die Tür gehen kann, ohne dass ihm eine Million Menschen hinterherlaufen.

Aber du wirst doch wohl auf der Straße erkannt …

Nein, ganz ehrlich. Gestern Abend zum Beispiel haben wir einen schönen Spaziergang durch Berlin gemacht und sind in ein schönes Restaurant gegangen. Nicht ein Mensch hat sich auch nur nach mir umgedreht. Dafür bin ich echt dankbar. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auf der Straße.

Du kommst aus der Nähe von Glasgow - so wie viele andere bekannte Musiker: deine Vorbilder Travis zum Beispiel, Franz Ferdinand oder Glasvegas. Stehst du mit manchen von ihnen in Kontakt?

Nicht wirklich, weil die meisten von ihnen inzwischen in London wohnen. Ich glaube, Glasvegas leben noch in Glasgow. Ihnen bin ich durch einen Freund von mir begegnet. Manchmal trifft man andere Musiker auf Festivals oder dergleichen. Aber sonst sind irgendwie alle immer so beschäftigt, dass ich sehr selten Leuten über den Weg laufe, die das Gleiche wie ich machen. Franz Ferdinand habe ich mal in Straßburg getroffen - wenn man den Leuten begegnet, dann nicht in Glasgow.

Hast du je darüber nachgedacht, nach London zu ziehen?

Nein, ich sehe die Notwendigkeit nicht. Ich verbringe sowieso die meiste Zeit irgendwo in Europa - von Deutschland bis zur Schweiz. Außerdem ist London ein Alptraum. Ich fliege von Glasgow nach London schneller als jemand von einem Ende Londons ans andere Ende fahren kann. Das ergibt keinen Sinn.

Ein großes Idol für dich ist Bruce Springsteen. Hast du ihn schon mal getroffen?

Nein, unsere Wege haben sich bisher nie gekreuzt. Aber ich schaue wirklich zu ihm auf. Er ist ein fantastischer Künstler, Songwriter und Performer.

Er tourt in diesem Sommer ja durch Europa. Das wäre doch deine Chance …

Ja, im Juli spiele ich auch auf einem Festival namens "Hard Rock Calling" in London, bei dem er ebenfalls als Headliner auftritt. Vielleicht ergibt sich da ein Treffen.

Die Songs auf deinem neuen Album behandeln viele verschiedene Themen. Aber in zwei Liedern geht es um Fußball …

Ja!

Du bist Fan der Glasgow Rangers und hast jetzt die einmalige Gelegenheit, der Welt zu sagen, weshalb die Rangers besser als Celtic sind ...

Oh, das würde ich nicht wagen. (lacht) Ich kann nur sagen: Es ist gerade keine besonders gute Zeit für die Rangers. Wir hatten viele Probleme. Was die Rivalität zwischen den Rangers und Celtic angeht, war diese in den vergangenen Jahren sehr ausgeprägt - in negativer Hinsicht. Da sind viele schlechte Dinge passiert. Das hat mich zu dem Song "The Green And The Blue" inspiriert - ich wollte etwas Positives über die Rivalität schreiben. Ich habe viele Freunde, die Fans von Celtic oder irgendeinem anderen Fußball-Club sind. Zwischen uns herrscht eine freundschaftliche Rivalität. Wir lieben es, uns gegenseitig aufzuziehen und anzustacheln. Aber das ist nichts Böses. Und ich denke, so ist das bei der Mehrheit der Celtic- und Rangers-Fans auch. Das wollte ich in dem Song ausdrücken.

Du bist auch mit einem ehemaligen Fußball-Profi, Steve Lovell, liiert. Er ist Engländer! Streitet ihr euch da nicht viel?

(lacht) Nein, gar nicht. Wenn wir selbst gegeneinander Fußball spielen würden, könnte das vielleicht passieren. Aber er hat seine ganze Zeit als Erwachsener in Schottland verbracht, so dass er eh schon fast eher ein Schotte ist. Ich denke, er hat sich damit abgefunden, dass unsere Heimat Schottland ist.

Neben Fußball hast du auch ein Faible für Autos. Genauer gesagt: für schnelle Autos …

Ja, die liebe ich. Ich war total glücklich, als Audi mich auf die Rennstrecke einlud und ich dort ein paar Runden drehen durfte. Das hat das Feuer bei mir total entfacht. Das ist so ein Thrill! Eines Tages würde ich daher sehr gerne Unterricht bei einem richtigen Profi nehmen, damit er mir alles beibringt, was man als Rennfahrerin wissen muss.

Wenn du Deutsche wärst, wäre das ja dann ein perfektes Jahr für dich. Sebastian Vettel wird zum dritten Mal Formel-1-Weltmeister und Deutschland wird Fußball-Europameister …

Oh, ich hoffe, dass ihr Fußball-Europameister werdet. Und ich hoffe auch, dass Sebastian Vettel wieder Weltmeister wird - auch wenn es noch nicht ganz rund für ihn läuft. Aber die Saison hat ja erst begonnen. Ich drücke ihm die Daumen.

Okay, Schottland ist bei der Fußball-Europameisterschaft leider nicht mit von der Partie. Aber hältst du wirklich zu Deutschland?

Ja. Das habe ich schon bei der Weltmeisterschaft getan. Da habe ich zum Beispiel die ganze Zeit ein Deutschland-Bändchen getragen. Dann kam es zum Spiel Deutschland gegen England. Meine ganze Band hat mich gehasst. (lacht) Aber ich verbringe so viel Zeit in Deutschland - die, abgesehen von Schottland, meiste Zeit überhaupt. Und ich habe so großartige Unterstützung von den Menschen hier. Deshalb habe ich das deutsche Team adoptiert.

Mit Amy Macdonald sprach Volker Probst

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Author: Lidia Grady

Last Updated: 10/12/2022

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